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Artikel von Erich Hartmann - Betreiber der Website:
Urlaubs Artikel
Eingestellt am 27.02.2008
Im Urlaub geht die Uhr anders
Die Zeit verrinnt. Diese scheinbare Banalität hat Folgen. Das kennen wir. Wir kommen beispielsweise zu spät. Und wer zu spät kommt, den bestraft die Geschichte oder wenigstens der Abteilungsleiter. Dieses Banale hatte und hat nicht nur bei Uhrmachern Konjunktur, sondern auch in Kreisen von Philosophen, Quanten- und Astrophysikern. Sie alle wollten und wollen die Zeit einfangen und damit gleichzeitig die Frage beantworten, was die Zeit ist, falls sie denn überhaupt existieren sollte.
Für den Physiker und Mathematiker Isaac Newton (1643 bis 1727) war die Sache sonnenklar: Die Zeit verhält sich wie ein Pfeil: Alle Uhren würden, wären sie im Universum installiert, in der Sekunde, in der man auf ihr Zifferblatt schaut, dieselbe Zeit anzeigen. Seit Albert Einstein fließt die Zeit. Einmal langsamer, einmal schneller. Sie benimmt sich also relativ. Das öffnet einerseits jedem noch so okkulten Spekulanten Tür und Tor, ruft jedoch andererseits auch seriöse Naturwissenschaftler auf den Plan, die Ausflüge in Vergangenheit und Zukunft durch so genannte Wurmlöcher im All für durchaus möglich halten. Faszinierend sich auszumalen, man kennt die Lottozahlen von morgen und könnte diese heute entsprechend ankreuzen.
Vor allem auf Reisen fällt uns auf, wie unbekümmert andere Artgenossen mit den uns so heiligen und von Physikern abgesegneten Sekunden umgehen, von denen eine 1.192.631.700 Schwingungen der Strahlung heim Übergang zwischen zwei Energiestufen des Isotops Cäsium 133 entspricht.
Was juckt dieses isotope Zahlenzeugs die Leute in Trinidad, Burundi, Südamerika, Burkina Faso? Einen feuchten Kehricht! Weniger fürwahr als uns, die wir in der hausgemachten Zeitfalle der industrialisierten und damit bemessenen Welt sitzen. Gerade deshalb sollten wir uns Zeit nehmen, um über das Normative dieser kulturellen Begradigung nachzudenken.
Machen wir uns vorläufig nur klar, dass extrovertierte Menschen die Zeit genauer schätzen als introvertierte und dass sie für den Fiebernden unendlich langsam vergeht. Bis weit ins 19. Jahrhundert gab es in den USA 70 verschiedene Zeitzonen. An vielen Bahnhöfen hingen zwei Uhren - für die Eisenbahnzeit und die Ortszeit. Während uns der Begriff Zeitverschwendung verhältnismäßig leicht über die Lippen geht, stiftet dieser für die Menschen in Burkina Faso erhebliche Verwirrung. Die Zeit vergeht immer, meinen diese, ob man etwas oder nichts tut. Und wer definiert das Verschwenderische an dem einen oder anderen Tun?
Wie lange dauert das? Wir reagieren auf eine solche Frage zeitgemäß. Auf Madagaskar erfährt der Reisende: "bis der Reis kocht" (nach unserem Zeitschema circa eine halbe Stunde). Noch unzeitgemäßer teilen die Insulaner- auf den Andamanen (Indien) ihr Jahr ein. Deren Kalender richtet sich nach der Abfolge der stärksten Gerüche von dort vorhandenen Pflanzen. Die Nuer im Sudan errichten Fischsperren und Lager bei den Viehweiden eindeutig im Monat Kur. Doch wann ist Kur? Das ist just dann, wenn sie ihre Dämme und Lager bauen.
Aus dem Blickwinkel unserer inzwischen koordinierten Kalender und Zeitzonen wirkt solcher Umgang mit der Zeit lax und oft so absurd, dass uns als Touristen der Kamm schwillt, weil unterwegs wieder einmal etwas nicht so geschmiert klappt wie bei uns. Dabei sollten wir uns besser klar machen, welche Albernheiten unser Zeitbegriff eigentlich beinhaltet.
Da nach unserer Auffassung Zeit Geld ist, kostet uns das Warten (etwa auf Flugplätzen, Bahnhöfen, Bushaltestellen und so weiter) Unsummen. Der Wirtschaftswissenschaftler Y. Orlov hat einmal hochgerechnet, dass wir allein beim Warten während des Einkaufs pro Jahr 30 Milliarden Stunden "drauflegen".
Aber wir können es noch wahnwitziger. Konsumgüter, zu denen auch das Reisen zählt, und Zeit stehen auf derselben Werteskala. Wir rechnen uns aus, wie viele Arbeitsstunden uns 14 Tage Urlaub kosten. Die Quintessenz wirkt auf mich wie der Geruch des hypothetischen Monats Pfifferling: Wir verkaufen unsere persönliche Zeit für Geld und kaufen sie obendrein wieder zurück ...
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